Inside Corona

Ich schreibe, also komme ich durch

19. März 2020. Meine Mutter hat heute ihren 79. Geburtstag. Wir können ihn nicht feiern, weil seit vier Tagen Versammlungsverbot und freiwilliger Hausarrest herrscht. Meine Tochter singt "Happy Birthday" durchs Telefon, wir Großen weinen, mein Mädchen versteht nicht, warum sie nicht zur Omi darf, nicht jetzt, nicht morgen, nicht nächste Woche. Corona hat uns im Griff. Bis vor Kurzem war das Leben noch normal. Ich war: berufstätige Mama eines Kleinkindes, erfolgreich und glücklich als Seminarleiterin und Vortragende. Nun wurden alle Termine bis April abgesagt, die bis Sommer folgen vermutlich noch. Ich sitze mit Mann und Kind daheim, soll die Entschleunigung und die Familienzeit genießen, soll meine Existenzängste wegatmen, soll mich freuen, dass jetzt "eben das wirklich Wichtige dran ist."

Was ist das Wichtige? Die Zeit mit meiner Tochter, klar. Ich merke aber, dass ich nur dann für sie dasein kann, wenn ich auch für mich sorge. Zeit dafür ist Mangelware. Nach drei Tagen Stress und Depression beginne ich heute, am 19. März, zu schreiben. Ich schreibe Kurztexte. "Drabbles", das sind Texte mit genau 100 Wörtern. So viel geht gerade zwischendurch, so viel muss gehen. Ich will Momentaufnahmen schreiben, ich schreibe mich durch Hoch und Tief, durch Dick und Dünn. Irgendwann werde ich das alles lesen und mir sagen: Es gab auch gute Tage. Hey, es gab sogar ganz schön viele gute Tage. Irgendwann werde ich diese Texte meiner Tochter zeigen. "Damals warst Du gerade drei Jahre alt." Ich hoffe, dass sie antworten wird: "Das war also die Zeit, in der die Welt gesund geworden ist." Und dass ich dazu nicken kann.