25.3. - 22:00 - Der Reiz des Neuen

„Die Spannung des Neuen ist vorbei, und jetzt begreifen die Leute langsam, dass es noch lange so weitergehen wird, obwohl es ab jetzt nicht mehr aufregend ist.“ So ähnlich hat es der Moderator der „Zeit im Bild“ heute ausgedrückt. Ich fragte mich: Kennt der mich? Wieso weiß der so genau, was mir gerade heute im Kopf herumgeht? Ach. Ich sollte doch froh sein. Endlich ein Tag ohne Drama. Ohne Ausnahmezustand im Ausnahmezustand. Ein Tag wie jeder andere (der coronamäßig hoffentlich noch vor mir liegt). Genau das war plötzlich das Problem. Ich konnte nicht anders. Als mein Kind - wie jeden Tag seit vorletztem Montag - nach dem Mittagsschlaf jubelte: „Ich hab’s, wir spielen Chopin und Vivaldi!“, als etwas später ihr bedingter Reflex "Mama öffnet Kühlschranktür - Kind will Joghurt - Beim Joghurtessen Peppa Wutz schauen" griff, als sie sich beim Skypen mit den Großeltern daran erinnerte, dass sie gestern nach dem Skypen in der Badewanne toben durfte und das prompt nach einer halben Minute Telefonie wieder einforderte, da dachte ich nur noch: Oh, Gott, und das jetzt im Rad, an jedem, jedem Tag?! Besonders laut wurden diese Gedanken, als mein Mädchen vor Freude kreischte: „Mama, ich hab’s, wir spielen, Vivaldi ist in der Badewanne und Chopin kommt ihn besuchen!“ Die Räder beginnen, ineinander zu greifen. Bald ist der ganze Tag ein einziger Ablauf bedingter Reflexe. Ich sehe es kommen, ich werde mehr und mehr zur Dienstleisterin eines dreijährigen Assoziations-Hochleistungs-Hirns mit ausgeprägter Willenskraft. Nun gut. Genug Überlänge. Jetzt liegt Vivaldi mit Papa, sorry: mit Mozart im Bett. Mozart singt vor, aus dem großen Liederbuch. Ich beneide meinen Mann um diese musisch-beschauliche Aufgabe. Und stelle verwundert fest: ich hatte noch nie ein Problem, dasselbe Kinderlied zwanzig Mal hintereinander zu singen. Vielleicht sollte ich unsere Chopin-Vivaldi-Spiele als Lieder betrachten. Lieder mit Strophen und Variationen. Nicht herausfordernd, nicht neu. Sondern vor allem: vertraut und Halt gebend. Nicht nur für das Kind, auch für mich. Ich werde es versuchen, morgen, wenn Vivaldi mich weckt. 

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Kommentare: 1
  • #1

    dörte (Donnerstag, 26 März 2020 00:01)

    Es ist so lustig zu lesen. auch wenn es bestimmt nicht immer lustig ist, mittendrin zu stecken. Habe hier eine 1 3/4jährige, die auch alle Abläufe immer wieder genauso einfordert und dabei tüchtig Ansagen macht. Ich find's zum Piepen. Ich bin aber auch gesund und sie kann noch nicht sprechen ;)

    Liebe Grüße und gute Ruhe!

    dörte