28.3. - 14:30 - Die Schöne

Gestern Abend hat mich eine Frau besucht. Sie saß plötzlich vor mir, einen Arm auf den Boden gestützt, den Oberkörper lässig zur Seite geneigt, ihre Stola war leicht hinuntergerutscht. Den Kopf leicht abgewandt, schaute sie hinaus aufs Meer. Alles an ihr bestand aus Weite und Anmut und Selbstsicherheit. Sie brauchte keine Worte, jedes Wort wäre zu viel gewesen. Sie sprach zu mir, indem sie war. Ich habe mich in sie verliebt, Hals über Kopf, bis in den Nachttraum hinein. Heute Morgen war sie weg, sie bestand ja nur aus dem Dampf am Wasserhahn meiner Badewanne. Aber ihr Bild vergesse ich nicht. Ich glaube, ich war noch nie so lässig. Noch nie so schön. Oder doch? Immerhin trage ich sie seit gestern in mir. Und schaue, wohin ich auch schaue, aufs weite Meer. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Renate (Montag, 30 März 2020 14:45)

    Es dauerte, bis ich das Bild begriff . . . ich liebe Wörter wie Weite und
    lässig . . . und : Schönheit in sich tragen . . .